Reden und Statements zu Alexander Schadow

 

Die hier hinterlegten Reden und Statements geben einen Einblick in mein künstlerisches Werk.

Professor Dr. Herbert Kessler (1996)

Comments about the Artist Alexander Schadow

Alexander Schadow,  painter and graphic artist  has been working for  more than 20 years and his collective   works have clearly displayed distinct character, and cohesiveness. The individual, in our society is restricted by social pressures, which the artist is freeing himself of - inviting  the recipients to do likewise in their enjoyment of  the arts. The academy of Platon could only be entered  by  those willing to study mathematics.

The greatest mathematical accomplishment by the ancient greek was geometry, a very rational field.

Alexander Schadow demonstrates strong  geometric shapes in straight lines, as well as in curves, bows, and waves, which are to be understood as images of sound. Areas of colour are transversed by lines of different colours, which indicate direction, thus modifying and  invigorating the otherwise rather static geometry.

The eye of the beholder starts wandering. The artist is not dealing with lines and areas, but the most evident means of expression, the colours. Colours, as referenced in Goethes School of Colours are a symbolic view of the world. 

The painted symbols indicate how man can organize and  perfect his constantly threatened inner self. Series of pictures are especially suitable to that end.

The booklet to the picture series , Alexander Schadow: Engfuehrung. Pictures to stop the forgetting. A hommage to Paul Celan“ featuring texts by Ignatz Bubis, Jürgen Schadow, Professor Klaus Matthies. Paul Celan, born in Czernowitz, passed away in Paris on April 20, 1970. His touching poems were written in German. Schadow’s illustations are leading us , down a long but very narrow alleyway; they are kept in black and white. They don’t breathe the serenity found in Schadow’s paintings, while being reminded of it by the choice of shapes and forms.  One of the sayings that is found besides the pictures best characterizes the concept of „Engführung“ (Tight lead) reads: „A wheel, slowly, turning of itself, the spokes rising, rising on a black field, the night has no need of stars.“

 

Professor Dr. Herbert Kessler (1996)

Anmerkungen zu dem Künstler Alexander Schadow

Der Maler und Grafiker Alexander Schadow ist seit mehr als 20 Jahren tätig, und sein Gesamtwerk weist eine solche Geschlossenheit auf, daß es Charakter besitzt. In unserer Gesellschaft wird das Individuum von sozialen Zwängen eingeengt  der Künstler befreit sich davon mit der Aufforderung an den Rezipienten, es ihm im Kunstgenuß gleichzutun. Die Akademie Platons durfte nur betreten, wer zu mathematischen Studien bereit war.

Die größte mathematische Leistung der alten Griechen war die Geometrie, eine sehr rationale Angelegenheit.

Alexander Schadow demonstriert streng geometrische Formen, in Geraden, aber auch in Kurven, Bögen, Wellen, die als Klangbilder zu verstehen sind. Farbflächen werden von andersfarbigen Bändern oder Linien durchzogen, die Richtungen anzeigen; die ruhende Geometrie wird so verändert, bewegt, belebt.

Das Auge des Beschauers beginnt zu wandern. Der Maler hat es ja nicht nur mit Linien und Flächen zu tun, sondern mit seinem augenfälligsten Ausdruckswillen, den Farben. Farben im Sinne der Farbenlehre Goethes, einer symbolischen Weltansicht.

Die gemalten Symbole zeigen an, wie der Mensch seine stets gefährdete Innerlichkeit ordnen und vervollkommnen kann. Dem dienen insbesondere auch Bilderserien.

Ergreifend ist das Heft zu der Bilderserie "Alexander Schadow: Engführung. Bilder gegen das Vergessen. Eine Hommege an Paul Celan" mit Texten von Ignatz Bubis, Jürgen Schadow, Professor Klaus Matthies. Paul Celan stammte aus Czernowitz, aus dem Leben geschieden ist er in Paris am 20. April 1970. Seine ergreifenden Gedichte hat er in deutscher Sprache geschrieben. Die Bilder Schadows führen uns "durch eine lange, aber sehr enge Gasse; sie sind in Schwarz und Weiß gehalten. Sie atmen nicht die Ruhe von Schadows Gemälden, erinnert in der Wahl der Formen gleichwohl daran. Am besten charakterisiert das Konzept der "Engführung" einer der Sprüche, die den Bildern gegenübergestellt sind: "Ein Rad, langsam, rollt aus sich selber, die Speichen klettern, klettern auf schwärzlichem Feld, die Nacht braucht keine Sterne."

 

Professor Dr. Dr. h.c. mult. Annemarie Schimmel (1993)

Vorwort zur Ausstellung "Weltbilder - ein west-östlicher Divan"

 

Allzu selten findet eine Zusammenarbeit zwischen europäischen und orientalischen Künstlern statt, und noch immer scheint es vielen, daß Kiplings Vers, daß Ost und West sich niemals ganz verstehen und treffen können, auch heute noch gültig ist. Gewiß, eine ganze Reihe europäischer Maler hat Elemente der östlichen Formensprache aufgenommen - Klee, Macke und viele andere haben den Reiz islamischer Schriftkunst und des faszinierenden Lichtes, der starken Farben des Orients in ihre eigenen Arbeiten aufgenommen, und ein Großteil der aus dem islamischen Bereich stammenden modernen Künstler ist an europäischen Vorbildern aller Art mehr oder minder erfolgreich geschult, bevor viele von ihnen wieder zu ihren Wurzeln zurückkehrten und sich vor allem der Kalligraphie zuwandten. Aber es ist etwas Neues, daß ein deutscher und ein pakistanischer Künstler sich zusammen­ tun, um, jeder von seinem Standpunkt, sich der Welt des anderen zu nähern und beide Welten, wenn nicht zu integrieren, so doch einander näherzubringen.

Alexander Schadow vollzieht sein Hegira - um Goethes Gedichttitel  zu verwenden  - in die geistige Welt des Orients, Amjad Ahmad benutzt das Medium  der  Photographie, um sich dem Westen zu nähern. Es scheint mir symptomatisch, daß sich die Poesie, und zwar besonders die mystische Poesie, als Brücke zwischen den beiden Welten bietet : wenn der pakistanische Künstler Amajd Ahmad mit seiner Kamera die "Realität" in ungewöhnlichen Techniken auflöst und gewissermaßen zu Symbolen verwandelt - vergleichbar den verschiedenen Schichten eines persischen Gedichtes, das technisch vollkommen ist, aber sich erst langsam in seinem vollen Sinn erschließt - so hat Alexander Schadow viel Inspiration  aus der deutschen und persischen Literatur empfangen, aber auch aus dem so ganz anders gearteten arabischen Prosawerk von Naguib Mahfuz.

In dieser Ausstellung erfüllt der indomuslimische Dichter und Denker Muhammad Iqbal (1877 - 1938) - der als geistiger Vater Pakistans gilt - eine wichtige Funktion: er bildet in Schadows Werk gewissermaßen die Brücke zu den Arbeiten seines pakistanischen Kolle­gen Amajd Ahmad, und er ist derjenige, in dessen Werk der starke Einfluß Goethes unübersehbar ist: Goethe und der große mittelalterliche Mystiker Dschelaladdin Rumi (1207 - 1273) waren Iqbals Führer auf dem Weg zu höheren geistigen Ebenen, waren für ihn sozu­ sagen wie Chider, der in der Poesie (auch bei Goethe) so oft beschworene gute Geist der Suchenden. Und wenn man einen modernen Widerschein des bei Rumi  zentralen Motivs der alles belebenden, aber auch gefährdenden Sonne in Amajd Ahmads Bildern erkennen kann, so erscheinen Goethe und Rumi in Schadows Bildern. Denn Rumis dichterisches Werk - nahezu 40.000 lyrische, ekstatische Verse und das mehr als 25.000 Distichen umfassende persische Lehrgedicht, das Mathnavi, gehören zu den Werken islamischer Kultur, die auch den Abendländer ansprechen und bewegen; einige von Rumis lyrischen Gedichten sind unter den ersten Werken persischer Poesie, die den deutschen Lesern durch Rückerts herrliche Nachdichtungen schon 1820 bekannt gemacht wurden.

Die Gestalt Iqbals stellt eine lebendige Brücke zwischen der deutschen und der pakistanischen Kultur dar, und wenn er in seiner 1923 in Lahore veröffentlichten persischen Gedichtsammlung „Botschaft des Ostens“ zum ersten und bisher einzigen Mal  eine dichterische Antwort auf Goethes „West-Östlicher Diwan“ gegeben hat, so versuchen die beiden Künstler, deren Werke hier ausgestellt sind, diese Antwort auf dieses Zwiegespräch gleichsam in bildende Kunst, in Malerei und Photographie umzusetzen,  wobei die  Vielzahl verwendeten künstlerischen Techniken die Vielfalt der möglichen Annäherungen sehr glücklich widerspiegelt. Die Bilder der beiden Künstler werden - wie ich glaube und hoffe - einen Weg zu einem besseren und tieferen Verständnis der für Ost und West gemeinsamen gestigen Wurzeln öffnen, und man kann dieser Ausstellung kein treffenderes Motto voranstellen als die Goetheschen Verse aus dem West - Östlichen Diwan :

Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen:

Orient und Okzident

sind nicht mehr zu trennen.

 

Sinnig zwischen beiden Welten

sich zu wiegen, lass ich gelten.

Also zwischen Ost und Westen

sich bewegen,  sei's zum Besten!

 

Chief Justice Rtd. Dr. Javid Iqbal, Supreme Court of Pakistan

Grußwort anläßlich der Ausstellungseröffnung 'Weltbilder - ein west-östlicher Divan' (1993)

 

Dies ist eine ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen zwei Künstlern (einem Deutschen und einem Pakistani), die eine Ausstellung ihrer Kunstwerke machen, um Goethe's Ausspruch zu bekräftigen:

Wer sich selbst und andre kennt Wird  auch dies erkennen:

Orient und Okzident

Sind nicht mehr zu trennen.

Spricht man in bezug auf Humanität, so existiert keine solche Diskriminierung wie Ost und West oder Nord und Süd. Die Diskriminierung zwischen Ost und West ist ein Vermächtnis der Vergangenheit, als westliche Kolonialmächte den "zurückgebliebenen" und "unkultivierten" Osten beherrschten und Instrumente Britischen Imperialismus wie Rudyard Kipling sarkastisch bemerkten:

Ost ist Ost und West ist West

Und die Beiden werden nie zusammenfinden.

Die Diskriminierung zwischen Nord und Süd ist hingegen eine Innovation der neuzeitlichen westlichen Wirtschaft, um zu zeigen, daß der Norden reich und der Süden arm ist. Jedoch hatte Goethe recht, wie auch unsere jungen Künstler, wenn sie die träumerischen Farbphotographien Amjad Ahmad's und die eigentümlichen orientalischen Formen Alexander Schadow's zusammenführen.

Es ist interessant anzumerken, daß Amjad Ahmad das moderne westliche Medium der Photographie benutzt, während Alexander Schadow - in der  Tradition  Goethe's,  einen Sprung aus dem kalten und sonnenarmen Europa nehmend - versucht im warmen Sonnenschein der spirituellen Welt des muslimischen Ostens Zuflucht zu finden. Durch ihre künstlerischen Techniken versuchen Beide eine Brücke zu bauen,  die verschiedene Welten verbindet.

Der pakistanische Künstler transformiert durch seine Kamera sichtbare Objekte in mystische Symbole und löst die Ausstrahlung unterschiedlicher Farben auf in  eine  Sphäre jenseits von Raum und Zeit. Der deutsche Künstler hat in Rumi's Dichtung Inspiration gefunden, wie auch einige der Charaktere des Mathnavi in zahlreichen Lebensformen sich in seinen Kunstwerken wiederfinden. Erwähnt man Rumi und Goethe, so bliebe das  Bild  unvollständig  ohne  das Portrait Iqbals, der der moderne Nachfolger dieser beiden großen  Poeten  ist  und  in dem  sich die beiden Gedankenströme vereinen. Ihre Ströme vermischen  sich  und  fließen  vereint, ihm zum "Zinda Rud" - "dem Lebendigen Strom"  machend.  Alexander  Schadow  und  Amjad Ahmad sind vertraut mit den herausragenden Merkmalen von Iqbals Poesie. Beide scheinen gemeinsam zu gehen und ihre Weltanschauungen verbinden sich als kreirten sie ein völlig neues kulturelles Universum . Ich betrachte ihre Kunst als die Kunst der Zukunft, die Kunst, die eher die Anstrengungen einer vereinten menschlichen Bruderschaft symbolisiert, als die einer Vereinigung  zweier Nationen.

 

Professor Klaus Matthies (2000)

Impressions to the Exhibition: CONCRETE SYMBOLS

The enigmatically suspenseful title of the exhibition signals the theme of how and to what extent concrete painting, a form of painting which strictly refers to geometrical forms and areas of pure colour, can yet appear symbolic and transforming at the same time. The enigma of the geometric abstraction is decisively expressed. With forms and directions, and by means of colour and discrepancy it becomes the symbolical.

By utilising the concrete and authentically artistic components, lines, colour, and area, the similarly shaped picture compositions reach their unique transformations.

Ingrid Kulenkampf, culture editor, wrote in 1994: “While the Theoretic in Alexander Schadow is evident, he understands how to express himself with great discipline of thought in his pictures, in a way which is both explicit and easy to remember”.

Thus, the developed  “concrete symbols” are parts of a concept, which is characterised by the strength of the abstraction and - at the same time - or perhaps because of – the concept has reached a unique form of poetry, which is known to us through the arabesque formations, the oriental art.

Concept – Reduction – Construction characterise the demonstrative picture series executed in acrylic colours, in which the area is emphasised and any ordinary illusioning of space is avoided. Colour, form, and area are being researched and reunited again to new and unexpected signs.

Alexander Schadow has adopted Paul Klees postulate of that specific modern task to “make the invisible visible”. The French Philosopher François Lyotard re-emphasised this traditional formula in conjunction with his description of a new aesthetic.

Above what the art movements “constructivism” and ”minimal art” developed for it, the artist Alexander Schadow displays new, contemporary formulations of the endeavour to link poetry and rationality. In it, he unfolds specific possibilities, to introduce the general task in serial forms of change. It is the intention to test anew, and to turn productive what has been  recognised since Descartes as the ancient, absolutized contradictory relationship of Cognition and Emotion. With that he addresses a deeply felt want of contemporary developments in our harshly differentiating media- and information society.

Alexander Schadow has consciously committed himself to the wisdom of geometry. Its principals of universally applicable order serve him to illustrate the basic ideas of his works and to utilise them as instruments of artistic knowledge. The originally orthogonal elements and figures are dynamicised and charged with colour, to serve new forms of generalisation (symbolicising) and to award them illustrative and eloquent expression.

 

 

 

Professor Klaus Matthies (2000)

Gedanken zur Ausstellung: KONKRETE SYMOBLE

Ab dem 2. Juli  2000 werden bei der EXPO 2000, die neusten Werk-Reihen (Tafelbilder) des Malers und Grafikers Alexander Schadow ausgestellt.

Der enigmatisch gespannte Titel der Ausstellung signalisiert das Thema: wie und inwiefern konkrete Malerei, eine Malerei, die sich streng auf geometrische Formen und reine Farbflächen bezieht, dennoch zugleich symbolisch sein und transformatorisch wirken kann. Das Rätsel der geometrischen Abstraktion ist entschieden formuliert. Durch Formen und Richtungen und vermöge Farbe und Differenz wird es ins Symbolische gewendet.

In der Verdichtung der konkreten Bildmittel Linie, Farbe und Fläche erreichen die gleichformatigen Bildkompositionen die ihnen eigentümlichen Transformation.

Die Kulturredakteurin Ingrid Kulenkampf schrieb 1994: „Der Theoretiker Alexander Schadow ist offensichtlich, aber er versteht es, mit großer gedanklicher Disziplin seine Sprache im Bild ausdrücklich und einprägsam zu gestalten“.

Die dergestalt entwickelten „konkreten Symbole“ sind Teile einer Konzeption, die durch Strenge der Abstraktion gekennzeichnet ist und gleichwohl resp. deswegen eine eigentümliche Poesie erreicht, die wir auch aus arabesken Gestaltungen, der orientalischen Kunst, kennen.

Konzeption – Reduktion – Konstruktion prägen die mit Acrylfarben ausgeführten demonstrativen Bildreihen, in denen jeweils die Fläche betont wird und jegliche herkömmliche Illusionierung des Raumes vermieden ist.

Farbe, Form und Fläche werden erforscht und zu jeweils wieder neuen und unerwarteten Großzeichen zusammengeführt.

Alexander Schadow hat sich das Postulat Paul Klees zu eigen gemacht: jene spezifisch moderne Aufgabe, „Unsichtbares sichtbar zu machen“. Der französische Philosoph François Lyotard hat der tradierten Formel erneut Ausdruck verliehen im Zusammenhang seiner Beschreibung einer neuen Ästhetik.

Über das hinaus, was die Kunstrichtungen „Konstruktivismus“ und „minimal art“ dazu entwickelten, zeigt der Künstler Alexander Schadow neue, zeitgemäße Formulierungen des Bestrebens, Rationalität und Poetik zu verbinden. Dabei entfaltet er spezifische Möglichkeiten, die generelle Aufgabe in serielle Formen der Wandlung vorzustellen. Es ist die Intention, dies alte und seit Descartes verabsolutierte Widerspruchsverhältnis von Kognition und Emotion neu zu erproben und produktiv zu wenden. Damit begegnet er einem  tief empfundenen Mangel gegenwärtiger Entwicklungen in unserer sich scharf differenzierenden Medien – und Informationsgesellschaft.

Alexander Schadow hat sich bewußt der Weisheit der Geometrie verpflichtet. Ihre Prinzipien allgemeingültiger Ordnung dienen ihm dazu, Grundideen seiner Arbeit zu veranschaulichen und sie als Instrumente bildnerischer Erkenntnis zu nutzen. Die ursprünglichen orthogonalen Elemente und Figuren werden entsprechend dynamisiert und farbig aufgeladen, um neue Formen der Verallgemeinerung  (Symbolisierung) zu dienen und ihnen anschaulich und beredt Ausdruck zu geben. 

 

Ministerpräsident Gerhard Schröder (1993):

Grußwort zur Ausstellung: "Weltbilder - ein west-östlicher Divan"
mit Werken von Amjad Ahmad und Alexander Schadow

 

Die Begegnung von Orient und Okzident, die Aufforderung zum interkulturellen Dialog lässt sich in der niedersächsischen Kulturgeschichte schon früh nachweisen. 

1779 schrieb Gotthold Ephraim Lessing in Wolfenbüttel seinen „Nathan der Weise“. Dieser Bühnenklassiker ist das erste Schauspiel, in welchem Humanitätsideale des 18. Jahrhunderts dargelegt werden. Das Stück spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge und schildert den Wettstreit zwischen Christentum, Judentum und Islam, drei einander fremden und verfeindeten religiösen Kulturkreisen. Der Richter spricht in der berühmten Ringparabel jenen bemerkens- und nachahmenswerten Satz aus: „Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach.“ Lessing ruft also mit den Mitteln der Kunst zur Toleranz der Religionen und aller Menschen untereinander auf. Er bietet damit ein frühes Beispiel für die bedeutende Rolle, welche die Kunst in der Verständigung zwischen den Völkern spielen kann.

Trotz Aufklärung und weltweiter Kommunikation sind wir Menschen gegen Ende des 20. Jahrhunderts leider kein bisschen weiser geworden. Unverständnis und Ablehnung prägen auch heute noch das Verhalten vieler Deutscher gegenüber ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Der Staat, große Organisationen wie Kirchen und Gewerkschaften sowie viele weitere Organisationen suchen zwar engagiert den Dialog zwischen den Menschen unterschiedlichster Nationalität und Konfession, doch kommt dem persönlichen Engagement einzelner Persönlichkeiten, die sich dem Vermächtnis Lessings verpflichtet fühlen, bei der Annäherung von Menschen verschiedener Kulturkreise die weitaus größte Bedeutung zu.

Ich begrüße deshalb die Initiative,  die Ausstellung mit Werken von Amjad Ahmad und Alexander Schadow nach der Präsentation in Celle nunmehr in den Goethe-Instituten in Lahore und Karachi zu zeigen.

Beide Künstler, die sich über ihre persönliche Freundschaft hinaus auch durch eine gewerkschaftliche Kulturarbeit verbunden fühlen, haben sich – jeder auf seine Weise – der Welt des anderen angenähert. Sie beweisen sich damit als einfühlsame Botschafter des „humanitas“-Gedankens, schlagen Brücken zwischen den Kontinenten und tragen so zum Verständnis von Leben und Wirken in anderen Kulturkreisen bei. Dafür danke ich ihnen.

Ich wünsche der Ausstellung „Weltbilder – ein west-östlicher Diwan“ auf ihren Stationen in Pakistan viel Aufmerksamkeit und einen nachhaltigen Erfolg.

 

Professor Klaus Matthies

Anläßlich der Ausstellung: 'Farbe - Fläche - Form'

Acrylbilder von Alexander Schadow 1998 - 2000

 

Vorspann zu Ort und Situation  

Die Gemeinde Nienhagen - ihr Bürgermeister - haben die Initiative ergriffen, Werke des hier lebenden Künstlers Alexander Schadow im Rathaus auszustellen.  

Die Ausstellung wird der Aufmerksamkeit und dem Interesse der Einwohner - und natürlich vielen anderen Menschen - zur Wahrnehmung angeboten. Das ist nicht selbstverständlich. Der Kulturhorizont und der Kunstanspruch der Gemeinde und der des Künstlers müssen nicht übereinstimmen und sie müssen sich auch nicht vereinen.  Man sagt: „Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterland“. Es gilt auch: Der Künstler bewährt sich in der Fremde. Von dort soll die Wertschätzung sich zurückübertragen in die Nähe.  

Alexander Schadow hat in vielen Städten Deutschlands (u.a. in Berlin, Bad Nauheim, Hildesheim, Hannover usw.) mit Erfolg ausgestellt, auch in Italien (Mailand). Er war kürzlich mit einer Auswahl auf der EXPO in Hannover vertreten. Er kann als renommierter Künstler, der hier in Nienhagen seinen Ort und seine Werkstatt hat, verstanden werden. Insofern ist es für die Gemeinde, der sich nun mit dieser Ausstellung die Gelegenheit der Anschauung bietet, zwar keine Verpflichtung, aber eine schöne Möglichkeit, einen besonderen kulturellen Akzent zu setzen, einen point of view.  

Im Sinne anspruchsvoller kultureller Aktivität wird ein wechselseitiges Interesse, der wünschenswerte Austausch, produktiv. Die Räumlichkeiten der Ausstellung bekommen ein  künstlerisches Ambiente, der Künstler bewirkt weiteres Interesse und Ansehen, auch in seiner Gemeinde. Im Folgenden wird (l.) von dem Künstler die Rede sein, (2.) von den Prinzipien seiner Arbeit und (3.) von den Bildern dieser Ausstellung  

   

Der Künstler  

Alexander Schadow (Jg. 1958 ) ist Maler und Grafiker. Er ist auch Kunstlehrer und ein Organisator kultureller Initiativen. Er steht in der langen Tradition der Künstlerfamilie der Schadows, die seit dem Ende des 18. Jhdts. in Deutschland hervorgetreten ist.  Ich nenne den berühmten Bildhauer und Zeichner Johann Gottfried Schadow, der  u.a. die Quadriga auf dem Brandenburger Tor schuf, dessen hochbegabten Sohn Rudolf, Bildhauer in Rom, frühverstorben, den anderen Sohn Wilhelm, der die Düsseldorfer Kunst-Akademie leitete und die Düsseldorfer Malerschule begründete. Und aus dem Anfang unseres Jahrhunderts den bedeutenden Porträtisten Hans Schadow  

Alexander Schadow, hier und jetzt als Künstler tätig, hat einen kritisch-historischen Sinn für diese Herkunft. Er weiß sich dieser Tradition verpflichtet und zugleich kann er sie aufheben im doppelten Sinn des Wortes. Das heißt, er stellt sich heutigen Herausforderungen der Kunst und stellt seine Antworten, zeitgenössisch-kritische Antworten, zur Debatte. In seiner künstlerischen Ausbildung hat Alexander Schadow die Gesetzlichkeiten und Möglichkeiten realistisch-abbildlicher Darstellung erprobt und entwickelt, die Zeichnung, die Radierung, die Lithographie. Er wäre, bei seiner ausgezeichneten Begabung, ein hervorragender 1llustrator und Porträtist. Aber nach Jahren im traditionellen Bilderdienst, wie man es nennen könnte, haben ihn grundsätzliche Fragen der Kunst längst auf eine andere Bahn gebracht. Für ihn ist die entscheidende Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie die Kunst, die Bilderkunst, nicht nur abbildend und nachahmend, sondern primär und vom Grunde her schöpferisch sein kann.  

In den großen und gegensätzlichen Entwicklungen dieser Fragen seit Beginn des 20.Jahrhunderts hat er sich auf den Weg der konstruktiven Gestaltung des Bildes begeben. Am Anfang ist diese bedeutende Richtung der abstrakten Kunst mit den Namen Kasimir Malewitsch, Theo van Doesburg, Piet Mondrian verknüpft. Systematisch dann mit den Arbeiten und Lehren von Josef Albers, Max Bill, Richard Paul Lohse. In den jüngeren Entwicklungen in den USA sind es Barnett Newman, Frank Stella, Robert Motherwell. Und hier bei uns z.B. Gotthard Graupen, Rupprecht Geiger und besonders der konsequenteste neue Konstruktivist Günter Fruhtrunk.  

Diese Künstler bilden eine erlesene Gesellschaft der reinen Form und der entschiedenen Farbe. Es ist natürlich eine große Herausforderung, in der Alexander Schadow sich bewegt und zu behaupten hat. Aber er kennt sich aus in seiner künstlerischen Ahnen- und Nachbarschaft. Und aufgrund dieser Kenntnisse und Erkenntnisse erprobt er seine Entscheidungen in jeweils wieder neuen Entwürfen. Ausgewählte Ergebnisse seiner konstruktivistischen Arbeit aus den letzten zwei Jahren sind hier in den Räumen des Rathauses Nienhagen versammelt.  

Diese neuen Arbeiten Alexander Schadows stehen vor uns als farbig-geometrische Tafelbilder. Sie sind sind zugleich - und unerwartet - Bildwerke symbolischer und poetischer Natur. Jetzt möchte ich zunächst anmerken, daß Alexander Schadow betont und speziell ein denkender, ein philosophisch denkender Künstler ist. Das heißt: nicht primär expressiv ausdrucksbezogen, geniebetont, wie man dies in Deutschland gerne hat (von den Expressionisten über die neuen Wilden bis zu gegenwärtigen Ausdrucksgenies), sondern planend, abwägend, entwickelnd - im kritischen Gespräch mit sich selbst und mit dem, was in den Künsten, seit je und jetzt, geschieht. Und im Austausch mit Fachleuten der Theorie und der Praxis der Künste. Das ist eine objektive, weltoffene, kritische, gleichwohl selbstbestimmte Haltung. Sie ist nicht primär emotional und ichbestimmt, sondern durch bildnerische Vemunft und dialogische Entfaltung im kulturellen Zusammenhang gekennzeichnet. Und zugleich, wie schon angedeutet, sprechen diese geometrischen Bilder intensiv unsere Gefühle und Empfindungen an. Es geht eben nicht nur um geometrische Flächen, sondern, zugleich und kontrovers, um die Ausstrahlung, die Verwandschaft und die Gegensätzlichkeit von Farben und Farbempfindungen. Das gleichzeitig Vorhandene der strengen Formen und der Vibrationen und der Klänge der Farben ist zugleich auch das Ungleiche. Es ist das Eine und das Andere. Es geht um die Balance. Dabei entsteht ein Drittes, das aus dem einen und demanderen hervorgeht: das Bild.  

Alexander Schadow ist, gerade auch wegen dieser Dialektik der Konstruktion, stets ein interessanter Gesprächspartner für Leute seiner Zunft. Aber eben gerade auch für Menschen, die selber nicht künstlerisch tätig sind. Und dies nicht nur in Fragen seiner Kunst, sondern in Kunst- und Kulturfragen überhaupt.  

   

Prinzipien und Q u e r v e r b i n d u n g e n  

Alexander Schadow geht u.a. davon aus, daß die Malerei wie eine Sprache ist, daß sie eine Bildsprache ist, die stets neu hervorgebracht und genutzt werden und veralten und verderben  kann, die stets der Erneuerung und der Klärung (Reinigung) bedarf. Ein Beispiel für die Aufgabe der Klärung in den Künsten (Reinigung, Waschung, Läuterung) ist ihm der Dichter Paul Celan, der nach dem Ende des Krieges, nach der Shoah, den Versuch unternommen hat, die Sprache der Dichtung, die deutsche Sprache der Dichtung, zu erneuern. Es war der Versuch, angesichts dieser unglaublichen Vergangenheit, in einer neuen dichterischen Sprache das Unverstehbare, das Unaussprechliche auszusprechen. Das hieß, an der Erinnerung, am Ausdruck, an der Grammatik zu arbeiten. Eine Aufgabe, die die Künste seit langem,  insbesondere seit dem Beginn der Moderne haben: nicht abzubilden, sondern sichtbar zu machen, wie Paul Klee es ausgedrückt hat. Das heißt, mit der sogen. natürlichen Form der Sprache, mit der natürlichen Abbildlichkeit der Bilder zu brechen. An die Stelle der erwarteten Bestätigung die unerwartete Erfindung zu setzen. Die Idee und den Geist zu fordern. Die Tradition zu verlassen und eine neue zu begründen. Aus der Asche des Vergangenen den Phoenix auffliegen zu lassen - Auferstehung des Alten im Neuen-  

Die Aufgabe der Bildenden Kunst heute besteht, wie Alexander Schadow überzeugt ist, darin, im unendlichen Rauschen der Bilder das eigentliche Bild in seiner eigentlichen Qualität zur Geltung zu bringen. Er versteht seine Arbeit am Bild als Vorgang der Reinigung, der Läuterung, Das dritte sind die Bänder, die Streifen, die die Intensität von Farbe, Form und Richtung in besonderer Weise steigern. Das alles scheint so einfach, weil es so klar ist. In Wirklichkeit ist es ebenso anspruchsvoll und kompliziert wie abbildliche Darstellung. Die Klarheit ist das Ergebnis. Es muß stimmen im Einzelnen und im Ganzen. Jede Nuance würde den Zusammenhang verändern und schwächen, bis hin zur Auflösung ins Beliebige. Das überraschende ist nun, wie schon angedeutet: diese konstruktivistischen Bilder sind keine bloße Konstruktion, nicht bloße Geometrie und Farbberechnung. Sie haben zugleich Rhythmus, sie sind Gesang, sie haben Poesie. Sie haben dies nicht in gleicher Weise bei jedem Bild und nicht in gleicher Weise für jeden Menschen. Vielleicht wird dies überhaupt nicht sogleich spürbar. Aber da ist ein Angebot, eine Tendenz, eine Möglichkeit: diese Bilder in der Richtung einer atmosphärischen Art der Musik zu verstehen bzw. zu erweitern, als einen Klang der Bilder - Wir als die Betrachtenden können uns dem annähern, sogar aussetzen. Das kann als eine glückliche Erfahrung aufgehen. Nicht bei jedem Bild. Uns gefällt ja auch nicht jede Musik, und nicht jede Musik ist Klang. Aber vielleicht geht es an dem einen und anderen Beispiel auf - dem einen oder anderen Betrachter bzw. der einen oder anderen Betrachterin. Ein solcher Anfang genügt als eine Stufe der Erfahrung der Kunst, wie wir es uns wünschen und uns vielleicht sogar erhalten und erweitern können.  

“Die Poesie der Alten war die des Besitzes, die unsrige ist die der Sehnsucht.”  August Wilhelm Schlegel)